Etage 4 Spiritualität

Der Weg führt schlagartig in einen dichten Nebel. Du erinnerst dich: Der Gipfel des Berges lag in den Wolken. Du hast immer noch das sichere Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein. Die Lichtgestalt, die dir die ganze Zeit vorausgegangen war, hat seitdem nichts mehr gesagt. Anfangs warst du deswegen etwas irritiert, hast dich aber schnell damit abgefunden und vertraust seitdem darauf, dass nichts Schlimmes geschehen wird. Das Schlimmste hast du hinter dir, sagt die Lichtgestalt, und obwohl du das Gesicht nicht sehen kannst, weisst du, dass sie gerade lächelt.

Der Nebel lichtet sich. Wir sind da. Ich muss jetzt gehen, aber wir werden uns bald wiedersehen. Damit ist die Gestalt verschwunden, als hätte sie sich in Luft aufgelöst. Du stehst vor einer weissen Tür. Auf ihr steht in geschwungenen Buchstaben Etage 4: Spiritualität. Du öffnest die Tür und traust deinen Augen kaum.

Ein endloser leerer weisser Raum

Vor dir erstreckt sich eine schier endlos wirkende Halle, komplett leer. Und komplett weiss. Fussboden, Wände und Decke bestehen aus einem Material, das aussieht wie weisser Marmor. Es scheint, als würde sich dieser Raum kilometerweit in alle Richtungen erstrecken, aber im nächsten Moment bewegt sich der Raum, und Decke sowie Wände kommen schnell näher. Der endlose Raum verkleinert sich lautlos innerhalb weniger Minuten auf die Grösse einer Turnhalle. In der Mitte der Turnhalle erscheint wie aus dem Nichts ein Sessel, ähnlich dem, den du im Labyrinth vorgefunden hast, nur, dass er diesmal komplett weiss ist.

Setz dich, ertönt es von überall her, und du leistest der Bitte Folge. Der Sessel ist bequem, wie für dich gemacht, und du entspannst dich, kaum, dass du darin sitzt. Davon abgesehen, passiert überhaupt nichts.

Nichts. Leere, weisse Stille.
Die Stille umgibt dich, durchdringt dich, belebt dich und stärkt dich. Du kannst nicht erklären, was da geschieht, aber du spürst, dass etwas geschieht. Es fühlt sich kraftvoll und stark an, liebevoll, belebend und irgendwie erhebend.
Aber da ist Nichts. Leere, weisse Stille.

Die Stimme aus dem Nichts

Du fragst dich, ob du etwas tun sollst, aber es gibt nichts zu tun. Du fragst dich, ob du etwas sagen sollst, aber es gibt auch nichts zu sagen. Du fragst dich, was du davon halten sollst, aber

es gibt nichts zu halten. Das, was du festhältst, bindet dich. Spiritualität ist kein Festhalten, sondern Loslassen. Wenn du alles loslässt, was du kennst, dann lernst du das Unbekannte kennen, und dort findest du die Essenz der Spiritualität. Das, was du kennst, ist keine Spiritualität, sondern Illusion. Du denkst, du kannst Spiritualität zurechtbiegen, so wie du es magst oder brauchst, damit du dich besser fühlst. Aber du fühlst dich nicht wirklich besser, da du immer nur dein vorhandenes Haus ausbaust. Du fügst noch ein Stockwerk hinzu, noch ein Nebengebäude, vielleicht hier einen Balkon und da eine Garage. Und dann streichst du den einen Raum gelb, den nächsten grün und die Garage weiss. Aber so erschaffst du kein neues Haus, und da das Alte auf Treibsand gebaut ist, wird auch das Neue zusammen mit dem Alten in den Illusionen auf denen es steht, versinken.

Ja, und ständig kommen Leute, die sagen Dieses ist spirituell, Jenes aber nicht. Wenn du spirituell sein willst, dann musst du…

Nein. Du musst gar nichts. Das, was du musst, ist dein Leben leben. Dafür hast du es dir ausgesucht, dafür bist du gekommen. Du wusstest, was das bedeutet, und du wusstest auch, dass du dich nicht erinnern würdest. Du wusstest, dass du lernen, wachsen, erfahren und erkennen würdest, bis du irgendwann an den Punkt kommst, wo du dich erinnerst. Dir war klar, dass du denken wirst, dass du etwas tun musst, etwas finden musst, etwas werden musst. Aber du hast vergessen, was es war, was du wusstest, bevor du gekommen bist. Nun, ich werde dir ein wenig auf die Sprünge helfen.

Den Artikel teilen