Etage 3 Herzöffnung

Etage 3 ist das völlige Gegenteil zum dunklen und muffigen Raum der Matrix im vorherigen Stockwerk. Kaum hast du ihn betreten, umhüllt dich eine zarte frische Brise. Rosafarbenes Licht strömt dir entgegen, hüllt dich ein und umschmeichelt dich mit Freude, Leichtigkeit und Vertrauen. Obwohl auch dies ein scheinbar ganz normales Stockwerk im Haus des Erwachens ist, fühlst du dich, als hättest du nun das heilige Innere des Hauses betreten. Nach und nach bilden sich aus dem rosafarbenen Schleier konkrete Formen heraus und du erkennst: Du befindest dich in einem Garten. Du traust deinen Augen kaum, aber alles ist vollkommen rein, klar, leicht und schön. Die Natur hat sich ein wundervolles Reich erschaffen, denkst du gerade, als ein kleines Kind auf dich zukommt. Es lächelt dich an und begrüsst dich mit den Worten Schön, dass du endlich da bist. Komm

Das Kind reicht dir seine kleine Hand und zieht dich vorsichtig aber mit Nachdruck weiter hinein in den Garten. Vor einer kleinen Holzbank bleibt ihr stehen, und du setzt dich erst einmal, um diese völlig unerwarteten Eindrücke auf dich wirken zu lassen. Das ist dein Zuhause - erinnerst du dich nicht? Das Kind scheint sich nun langsam in Luft aufzulösen und du atmest erst einmal tief durch, überwältigt von den Gefühlen, die plötzlich in dir hochkommen.

Ein Kind und ein Kurzfilm

Vor deinem inneren Auge ziehen jetzt Bilder vorbei - Erinnerungen, Erfahrungen, Menschen, Ereignisse. Wie ein etwas zu schneller Film läuft auf einmal dein Leben im Zeitraffer vor dir ab. Du siehst dich in den verschiedenen Rollen, die du in deinem Leben gespielt hast, du siehst die vielen Menschen, die ebenfalls ihre Rollen in deinem Leben gespielt haben, durchlebst für den Bruchteil einer Sekunde alle wichtigen Erfahrungen und fühlst die entsprechenden Gefühle. Es ist wie ein Kurzfilm, der alle wichtigen Erinnerungen, die in dir gespeichert sind, für den Bruchteil einer Sekunde an die Oberfläche spült. Dann ist der Spuk vorbei, und das Kind taucht plötzlich aus dem Nichts wieder vor dir auf.

Komm, wir haben hier noch etwas zu erledigen, sagt es und nimmt dich wieder an die Hand. Das Kind führt dich einen kleinen Weg an einem Bachlauf entlang. Du hörst das leichte Plätschern des Wassers und freundliches Zwitschern von Vögeln. Ein warmer Lufthauch streichelt gerade dein Gesicht, als ganz plötzlich der Frieden jäh von einem schier unglaublichen Schrei unterbrochen wird. Es läuft dir eiskalt den Rücken herunter. Das Kind vor dir liegt auf dem Boden und scheint sich vor Schmerzen zu krümmen. Als du dich zu ihm hinunter beugst, verändert es sein Aussehen, verwandelt sich vom einen Moment auf den anderen, verwandelt sich wieder - und wieder - und wieder. Dabei nimmt es immer dein Aussehen an, dabei bist du aber nicht immer der Gleiche. Du erkennst dich in verschiedenen schmerzhaften Phasen deines Lebens. Dann ist das Kind verschwunden.

Der Gärtner und der Garten

Dir ist klar: das Kind warst du! In vielen verschiedenen Situationen und Erlebnissen. Immer waren es Ereignisse, die dir in der einen oder anderen Form einen Stich versetzt haben, die wehgetan haben, wo etwas in dir gelitten hat oder ein Teil von dir gestorben ist. Du erinnerst dich. An den, der du jeweils warst, an deine Gedanken, die du hattest und an deine Gefühle, die dich und dein Leben auf irgendeine Art verändert oder geprägt haben.

In Gedanken versunken gehst du weiter, ohne dich daran erinnern zu können, dass du dich überhaupt wieder in Bewegung gesetzt hast. Weitere Bilder und Erinnerungen ziehen an deinem inneren Auge vorbei. Mittlerweile bist du an einer kleinen Brücke angelangt, die über den Bach führt. Du willst sie gerade betreten, als ganz unvermittelt ein alter Mann neben dir steht. Er lächelt dich an und sagt Vergiss nicht. Du bist der Gärtner. Kümmere dich um deinen Garten. Du hast sieben Baustellen, sieben Aufgaben zu erledigen, sieben Stufen zu erklimmen. Und so plötzlich, wie er aus dem Nichts aufgetaucht ist, ist er auch wieder im Nichts verschwunden.

Da siehst du, wie sich der Weg vor dir durch die Landschaft schlängelt. Aus dieser Perspektive, hier von der Brücke aus, kannst du sehen, wie dich der Weg, wenn du ihn weitergehst, etappenweise nach oben führt. Es hat den Anschein, als lägen tatsächlich sechs Etagen in Form von Terrassen am Hang des kleinen Berges, dessen Spitze aber - vermutlich die siebte Ebene - oben in den Wolken liegt, obwohl er eigentlich gar nicht hoch ist. Davor siehst du den Weg und die terrassenförmigen Stufen, die ohne Umwege zum Gipfel führen. Und tatsächlich steht nun auch am Ende der Brücke rechterhand ein kleiner Wegweiser aus Holz, auf dem steht: Hier entlang zur 4. Etage.

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